WO DEUTSCHLAND AUFHOERT
Da wollen wir weitermachen. So befinden wir uns eines sonnigen, durch kurze Regenschauer punktuierten Sommertages an der Schleuse in Brunsbüttel. Hier trennt sich das Salz von den Süßwassermatrosen und das klangvolle “Atrium” ist vor allem ein Toilettenhaus.
Wir blicken der Sache ins Gesicht. Höflich bestellen wir, den Opelschlüssel stolz auf der Tischdecke, wir tun ja was für die Kumpels. Die Bedienung ist beruhigt, das dunkelhäutige Kerlchen kann ja Deutsch und bestellt den “Kaffe” mit angemessen norddeutschem Akzent.
Dies war bereits die zweite Prüfung an diesem Tag und wir hatten sie bestanden. Erste Prüfung: Die Parkplatzsuche. Durfte man die Fußgängerzone überhaupt befahren? Vor uns fuhr ja auch einer rein, aber der hatte einen Mercedes und die Klopapierrolle im Strickmantel auf der Hutablage. Unser Leihwagen, nichtmal von Sixt, konnte das nicht bieten.
Später, direkt an der Schleuse, die dritte und letzte Prüfung des Tages. Die Beobachtungsplattform. Hier passiert eigentlich nichts, hier schaut man den Schleusenbecken durch vergilbte, ungewaschene Plexiglasscheiben beim Volllaufen zu. Aber hier sind Sitzbänke und das Areal nach nur einer Seite offen; ideale Bedingungen für Familien und Kindergartenausflüge. Inmitten des kinderreichen Treibens; wir beiden Jungspunde. Kinderlos, wohlgekleidet und ohne einen Fetzen Jack Wolfskin am Leib.
Wir glauben, Argwohn zu vernehmen. Ich wage einen sehnsüchtigen Blick auf die Nordsee und überlege, ob Deutschland hier wirklich vorbei ist, ob da noch ein paar Inseln sind und ab wie vielen Seemeilen internationales Gewässer anfängt. Mein Begleiter wendet sich bereits nervös ab, er will los.
Ich bin mir nicht sicher, ob uns hier wirklich jemand wirklich Übel will. Werden wir paranoid, drängt uns die Meute kleiner Menschen, angeschubst von ihren hinter ihnen stehenden und sie fördernden Eltern an den Zaun? Oder sind wir es selber, die uns schwindelsüchtig an die Kante Deutschlands herantasten, trotzdem zu feige, abzuspringen. Und wie ist das jetzt eigentlich mit den internationalen Gewässern und vor allem: Ist da wirklich alles erlaubt?
Das Nieseln setzt wieder ein. Wir kehren zügig zum Auto zurück, parken vorsichtig aus und verlassen die Stadt, ausgepowered by Deutschland. Auf der westlichen Rampe der Hochbrücke über den Nord-Ostsee-Kanal gebe ich nochmal extra Gas, ist schliesslich ein Leihwagen und vielleicht legen wir auf der Mitte nochmal ‘nen anständigen Sprung hin.